Sineb Elmasrar

Sineb El Masrar, Berlin

„…Marokko ist ein Teil von mir, denn seine Geschichte, seine Menschen, seine Werte haben mich genauso geprägt wie Deutschland
…“

„…Auch die Tatsache, dass 20 Prozent der heutigen Bevölkerung eine Zuwanderungsgeschichte hat, sollte langsam ernsthaft wahrgenommen werden. Die Chancen und Potenziale, die sich dadurch anbieten, sollten nicht ungenutzt bleiben. Hier ist aber auch klar an jeden einzelnen zu appellieren, nicht darauf zu warten angesprochen zu werden, sondern selbst aktiv und kreativ zu sein
…“   

„…Nur wer wagt, kann gewinnen…“ 

1. Frau El Masrar, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?

Seit 27 Jahren lebe ich in Deutschland. Ich bin in Hannover geboren und in einem Provinzstätdchen bei Hannover aufgewachsen.
Mein Vater kam damals Ende der 1950er als ältester Sohn mit seinem Schwager nach Deutschland. Wie für viele junge Männer dieser Zeit, wollten sie für eine bessere Zukunft ihr Glück in Europa versuchen. Mein Vater und sein Schwager kamen mit einem italienischen Wanderzirkus nach Deutschland, der in der damaligen internationalen Zone Marokkos, in der Stadt Tanger, oft Halt machte. Nach einigen Stationen innerhalb Deutschlands entschied sich mein Vater für Hannover. Dort machte er eine Schlosserausbildung.1979 heiratete er meine Mutter und holte sie nach Deutschland. Zwei Jahre später kam ich zur Welt.

2. Im Laufe der Jahre haben Sie sicherlich Einiges erlebt. Können Sie uns 1-2 besondere Fälle schildern, die Ihren Lebenslauf charakterisiert haben?

Ein prägender Punkt in meinem Leben ist die Tatsache, dass ich nicht mit anderen Marokkanern und Zuwanderern aufgewachsen bin. Dies war eine bewusste Entscheidung meines Vaters, was besonders meiner Mutter zugesetzt hat. Aber auch für mich war die Tatsache, eigentlich andere Wurzeln zu haben, in meiner Jugend sehr prägend. Denn es brachte mich dazu, mich sehr früh mit meinem Herkunftsland auseinander zu setzen. Daher ist es nicht ganz verwunderlich, dass das Thema Integration, Heimat und Migration beruflich ein wenig zu meinem Thema geworden ist.

3. Welche Vorbilder prägten Sie und woher kamen die Anregungen für ihre Entwicklung?

Meine Mutter hat mir auf Grund ihrer eigenen Biografie - selbst nie zur Schule gegangen - immer eingetrichtert, wie wichtig es ist selbstständig zu sein. Auf eigenen Beinen stehen zu können. Bildung war auch für meinen Vater wichtig. Besondere schulische Unterstützung bekam ich allerdings von den Eltern einer Schulfreundin. Ihr Interesse an meiner Entwicklung war förderlich.
Durch die unterschiedlichen Lebensentwürfe in meiner Umgebung hatte ich die Möglichkeit mich zu entwickeln. Zudem hatte ich eine Lehrerin, die mir vor allem mit folgendem Satz in Erinnerung blieb: Probieren geht über Studieren! Mir hat ihre herzliche Präsenz und ihre Bemühung mit uns Schülern sehr geholfen, an mich und meine Träume zu glauben. Wie wir sehen, sind es viele Faktoren, die meine Entwicklung vorangetrieben haben.

4. Was verbindet Sie mit Deutschland, was ist schätzenswert und lebenswert, was müsste korrigiert werden?

Mein Bild von Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren ein wenig verändert. Während ich vor einigen Jahren noch die Pünktlichkeit, die Zielstrebigkeit und den Wissensdurst hier sehr geschätzt habe, fehlt mir das heute ein wenig. Es scheint verloren gegangen zu sein. Als Selbstständige, muss ich im harten Berufsleben feststellen, dass vom innovativen Deutschland nicht mehr viel übrig ist. Man lehnt sich stattdessen zurück und ist unfähig neue Konzepte zu wagen. Für ein Land wie Deutschland eigentlich eher schädlich. Und genau das sollte sich Deutschland zurück holen. Die Jugendlichen sollten mehr Eigenständigkeit und Fleiß entwickeln. Die Wirtschaft und Industrie sollte wissen, dass das Festhalten an steifen Konzepten keinen Fortschritt bringt. Auch die Tatsache, dass 20 Prozent der heutigen Bevölkerung eine Zuwanderungsgeschichte hat, sollte langsam ernsthaft wahrgenommen werden. Die Chancen und Potenziale, die sich dadurch anbieten, sollten nicht ungenutzt bleiben. Hier ist aber auch klar an jeden einzelnen zu appellieren nicht darauf zu warten an die Hand genommen zu werden, sondern selbst aktiv und kreativ zu sein.
 

5. Wenn Sie heute den Wunsch frei hätten, würden Sie wieder nach Deutschland kommen? Warum?

Da ich hier geboren wurde, konnte ich mir das nicht aussuchen. Somit fehlt mir auch die Erfahrung aus einem anderen Land stammend sich für Deutschland zu entscheiden. Bislang hat mir Deutschland nicht geschadet. Aber ganz klar ist: Ich fühle mich an Deutschland nicht für immer gebunden. Ich kann mir durchaus vorstellen, in einem anderen Land zu leben. Sollte dies einmal passieren, werden wir sehen, ob sich dann evtl. die Sehnsucht einstellt, hierher zurückkommen zu wollen.

6. Was haben Sie studiert und warum?

Ich habe zwei Ausbildungen absolviert, da es meinen Eltern wichtig war eine solide Ausbildung zu haben. So habe ich zunächst einmal eine Kaufmännische Ausbildung absolviert und dann eine pädagogische. Einige Jahre habe ich auch in diesen Bereichen gearbeitet. Aber parallel versucht mich vor allem im Mediensektor einzubringen, da ich schon als Kind vor allem etwas Kreatives beruflich machen wollte. Ich begann also für eine Filmproduktion zu arbeiten und als freie Journalistin. Im Nachhinein hat mir dieser Umweg viel gebracht finde ich.
 

7. Was ist Ihnen in der Schule oder an der Hochschule am schwersten gefallen? 

Ganz klar das Tempo! Ich hatte oft das Gefühl gehabt, dass man bewusst die Lerninhalte in die Länge gezogen hat. Das hat die Motivation enorm geschmälert.
In der Schule ist mir aufgefallen, dass man von manchen Lehrern stets gelobt  und sogar als vorbildlich bezeichnet wurde, aber bei der Bewertung merkwürdigerweise eine Note schlechter abschnitt. Das habe ich lange nicht begriffen. Bis mir eine gute deutsche Freundin sagte: „Du, verstehst Du das nicht? Das liegt daran, dass Du Ausländerin bist.“ Später hatte ich einmal einen Lehrer, der das auch noch bestätigte. Der vor der gesamten Klasse sagte, dass Ausländerkinder immer doppelt so gut sein müssen als deutsche Kinder.
Da wundert es mich auf der anderen Seite nicht, dass viele Jugendliche mit Migrationshintergrund heute oft die Flinte ins Korn werfen und auf die schiefe Bahn geraten. Denn gute Leistungen kann man nicht unterschiedlich bewerten, nur weil man einen Teint dunkler ist.

8. Wie schätzen Sie die Chancengleichheit in Deutschland in Bezug auf Bildung, Ausbildung und Tätigkeitsfelder gegenwärtig ein und wie haben sich diese verändert?

Erst einmal muss ich sagen, dass jeder der hier etwas lernen möchte, auch den Zugang hat. Notfalls auch in Eigenregie. Informationen sind frei zugänglich und größtenteils ohne große Kosten verbunden. Die Infrastruktur ist hier ideal.
Dennoch wie eben erläutert, habe ich leider heute oft noch den Eindruck, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte benachteiligt werden. Männer häufiger als Frauen, weil bei ihnen häufiger das Bild vom gewaltbereiten und patriarchalischen Mann vorherrscht. Was natürlich auch bei manchen stimmt. Aber eben nicht bei allen.
Ich behaupte zudem auch, dass es damit zu tun hat, dass eine gewisse Angst vorherrscht, abgedrängt zu werden. Dass der Ausländer, der aus einer anderen Kultur stammt, eine andere Sprache spricht und dann auch noch beruflich erfolgreich ist,  einigen in der Mehrheitsgesellschaft nicht ganz geheuer ist. Das ist fahrlässig, weil hierdurch vor allem wirtschaftlicher Wachstum nicht zugelassen wird. Und vor allem in unserer heutigen Zeit ist dies mehr als notwendig.
Auf der anderen Seite gibt es heute eine Generation, die gerne die Opferrolle wählt, um selbst nicht aktiv werden zu müssen. Denn dies würde auch bedeuten, zu kämpfen. Und Kampf ist mit Anstrengung und Mühe verbunden. Diesen Tribut wollen viele heute nicht zahlen. Unsere Eltern waren da anders. Haben sich aber auch viel von der Aufnahmegesellschaft gefallen lassen müssen, was ihre Kinder heute, auf Grund ihrer Sozialisation zu Recht nicht akzeptieren wollen. Dennoch ein gesundes Maß an Durchsetzungsvermögen sollten wir schon an den Tag legen.

9. Was sollte sich Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern?

Jedem eine ehrliche Chance geben sich zu beweisen und dies auch zuzulassen. Und keine Angst davor zu haben. Wenn sich jemand akzeptiert fühlt, ist seine Einstellung zu diesem Land auch besser. Genauso sollte auf beiden Seiten versucht werden, aufeinander zuzugehen und seine Vorurteile zu revidieren.

10. Was verbindet sie noch mit Ihrer Heimat?

Ich kenne Marokko vor allem aus dem jährlichen Urlaub. Eine Zeit, die ich immer sehr genossen habe. Ein Land, wo ich eine zeitlang sogar auswandern wollte. Als Antwort auf mein Heimatlosigkeitsgefühl als Jugendliche. Dies war natürlich nicht die Lösung. Denn ich bin ja nicht in Marokko sozialisiert. Das macht sich auch bei den Marokkanern bemerkbar, die einen nicht immer als richtige Marokkanerin ansehen, weil man dort nicht aufgewachsen ist.
Dennoch habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu dem Land meiner Wurzeln. Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie und fühle mich auch wohl dort. Mich interessiert die Geschichte dieses Landes und hoffe genauso auf seine weitere Entwicklung. Es ist ein Teil von mir, denn seine Geschichte, seine Menschen, seine Werte haben mich genauso geprägt wie Deutschland.

11. Wie schätzen Sie die Deutsch-Marokkanische Zusammenarbeit ein, und wo sehen Sie noch Potenziale?

Marokko hat auf Grund seiner strategischen Lage und durch seinen Beziehungen sehr gute Chancen, mehr Gleichheit und Reichtum für seine Bevölkerung zu ermöglichen. Die weitestgehend junge Bevölkerung ist hungrig nach Wachstum und dies kann der Entwicklung sehr dienlich sein.
Durch die unterschiedlichen Kompetenzen kann auch hier das erworbene Wissen weiter getragen werden. Ein Wissensaustausch kommt Marokko zu Gute. Wirtschaftlich ist Marokko für Deutschland mit Sicherheit auch als Absatzmarkt für Solartechnik von großem Interesse. Man ergänzt sich dementsprechend und profitiert voneinander. Gute Voraussetzungen also für eine lange Zusammenarbeit.

12. Welcher Beitrag könnte die Diaspora bei dieser Zusammenarbeit leisten?

Durch Wissensaustausch und durch Investitionen in soziale und wirtschaftliche Projekte. Da sehe ich eine große Chance, die uns durch die Globalisierung und die Biografien der einzelnen Marokkanern im Ausland sehr entgegen kommt.
 

13. Wie beschreiben Sie Ihr Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit in Ihrer Heimat? Nennen Sie ein paar Beispiele?

Ich hoffe ich kann mich in nächster Zeit vor allem in den Sektoren Umwelt, Frauen und Medien engagieren. Derzeit fehlt mir leider dazu absolut die Zeit.

14. Welche Hobbys und Interessen haben Sie?

Lesen, Malen, Nähen. Alle drei Dinge kommen leider durch meine Tätigkeit zu kurz, oder sagen wir mal so. Findet nicht mehr statt :-). 

15. Und zum Schluss: Haben  Sie ein Lebensmotto?

Nur wer wagt, kann gewinnen.

Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Herr Mohammed Massad.


 Frau Sineb El Masrar:

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