Sehouli

Professor Dr. med. Jalid Sehouli
 

 

1. Herr Sehouli, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?

Ich selber bin in Berlin geboren, im Standteil Wedding, in der Klinik, wo ich auch seit meinem Studium tätig bin.
Meine Eltern, Zohra und Abdullah Sehouli sind sehr früh nach Deutschland gekommen. Mein Vater ist mit seinem Bruder 1953 aus Tanger nach Europa aufgebrochen. Mein Onkel blieb in Brüssel, mein Vater über Lübeck nach Berlin.
Meine Mutter arbeite als Schneiderin und blieb vorerst mit meinen Geschwistern, Abdelhamid und Latifa in Marokko (Tanger) zurück und kam nach sieben Jahren nach.
Beide Eltern lernten ohne Vorkenntnisse und ohne Besuch einer Schule die deutsche Sprache, meine Mutter ist aber Analphabetin. Mein Vater lernte auch die Schriftsprache. Er verdiente anfangs das Geld als Boxer, später als Fabrikarbeiter.
Meine Mutter arbeitete in Deutschland als Stationshhilfe in einem Krankenhaus in Berlin.
Das Grundmotiv meiner Eltern war stets, dass ihre Kinder es besser haben sollten, und eine neue Zukunft haben sollten.

2. Im Laufe der Jahre haben Sie sicherlich Einiges erlebt. Können Sie uns 1-2 besondere Fälle schildern, die Ihren Lebenslauf charakterisiert haben?

Wichtig für mich war ganz sicher die Erfahrungen nach einem Autounfall als 7 jähriges Kind, mit einem schweren Becken- und Beinbruch, was einen 6 monatigen Krankenhausaufenthalt (wieder im Krankenhaus, in dem ich heute arbeite) zur Folge hatte.  Ich erhielt auch während des Krankenhausaufenthaltes persönliche Schulstunden von einer Lehrerin, meine Mutter trug mich mit schweren Gips mehrere Wochen später wirklich zur Schule. Diese Zeit hat mich sehr geprägt.
Es ist wunderbar, dass meine Geschwister und meine acht Neffen alle in Berlin geblieben sind.
Latifa ist Krankenschwester, Abdelhamid ist ein bekannter Schuhhändler, Morad ist Rechtsanwalt.

3. Welche Vorbilder prägten Sie und woher kamen die Anregungen für ihre Entwicklung?

Meine Eltern haben mich sehr geprägt, Ihre Liebe und Ihre Selbstlosigkeit für die Zukunft ihrer Kinder haben mich sehr beeindruckt. Auch der unbeschreibbare starke Zusammenhalt mit meinen Geschwistern und die uneingeschränkte Lojalität geben mir sehr viel Kraft. Alles geht weiter in die Liebe zu meinen Kindern.
Wichtig war aber auch für mich persönlich stets der Sport, der Fussball im Verein.

4. Was verbindet Sie mit Deutschland, was ist schätzenswert und lebenswert, was müsste korrigiert werden?

Ich liebe Deutschland und möchte auch nirgends woanders sein. 

5. Wenn Sie heute den Wunsch frei hätten, würden Sie wieder nach Deutschland kommen? Warum?

Diese Frage stellt sich nicht für mich!

6. Was haben Sie studiert und warum?

Siehe oben... 

7. Ist der Bereich, den sie studiert haben bzw. wo Sie jetzt arbeiten schon immer Ihr Traum gewesen oder welchen Beruf hätten Sie sonst gern ausgeübt?

Ich liebe meinen Beruf, liebe das Vertrauen meiner Patientinnen und ihren Angehörigen. Liebe die Menschen—und liebe den Beruf des Arztes ohne Einschärnkung, trotz der schlechten Rahmenbedingungen der personellen und infrastrukturellen Ressourcen.

8. Was ist Ihnen in der Schule oder an der Hochschule am schwersten gefallen? 

Das morgendliche Aufstehen und das Verdauen des Mensaessens. 

9. Wie sind Sie zu dem geworden was Sie heute sind und welche Rolle spielte dabei Deutschland, welche Chancen gab es oder verwehrte Ihnen Deutschland?

Deutschland hat meinen Eltern geholfen und ich denke sie auch dem Land. Mein Bruder Mourad, heute Rechtsanwalt, und ich konnten mit Unterstützung der Familie und BaföG studieren, das wäre sicher ohne diesen Support nicht möglich gewesen.
 

10. Wie schätzen Sie die Chancengleichheit in Deutschland in Bezug auf Bildung, Ausbildung und Tätigkeitsfelder gegenwärtig ein und wie haben sich diese verändert?

Wichtig ist, nicht zu sehr über Ursprung sondern über die Entwicklung und Identifikation positiver Signale zu sprechen. Porjekte, egal welcher Art zwischen Menschen helfen in Kontakt zu kommen und positive Erfahrungen zu sammeln—und Vorurteile abzubauen.

11. Was sollte sich Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern?

Mehr Eigenverantwortung ist immer gut...

12. Was verbindet sie noch mit Ihrer Heimat?

War letztes Jahr nach 18 Jahren erstmals wieder in Marokko, fühle eine besondere emotionale und seelische Verbundenheit..möchte mehr über Marokko erfahren und meine Eltern aber auch mich besser verstehen zu können.
 

13. Welches Entwicklungspotenzial hat Marokko heute?

Sicher sehr gross...weiss aber noch zu wenig über die Ausschöpfung..

14. Wie schätzen Sie die Deutsch-Marokkanische Zusammenarbeit ein, und wo sehen Sie noch Potenziale?

Denke, dass das was das DMK anregt sicher der richtige Weg ist, denke, aber dass zusätzlich über die kleinere Zirkel und Arbeitsgruppen, wie Medizin, Kunst, Technik etc, noch grössere Projekte möglich sind.

15. Welcher Beitrag könnte die Diaspora bei dieser Zusammenarbeit leisten?

Absolut!

16. Wie beschreiben Sie Ihr Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit in Ihrer Heimat? Nennen Sie ein paar Beispiele?

Habe meine erste marokkanische Praktikantin (9. Klasse) in unserer Klinik gehabt, meinen ersten marokkanischen Doktoranden....

17. Sind Sie verheiratet und haben Sie Kinder?

Sara Sophie ist 8 Jahre alt, Elias Aziz ist 2 Jahre alt...beide meine grösste Liebe meines Lebens!

 

18. Welche Hobbys und Interessen haben Sie?

Lesen und Sport.  

19. Und zum Schluss: Haben  Sie ein Lebensmotto?

„Gut“ Essen gehen....
Kunst kennenlernen....
In Konzerte gehen.... (vn Cheb Khaled, über Michael Bublé über Philharmonie)
Freunde treffen andere Menschen zu Freunde machen....

Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Herr Mohammed Massad.

 Prof. Dr. Sehouli:

  • Stellvertretender Direktor der Klinik für Frauenheilkunde, Charité Campus Virchow-Klinikum, Berlin
  • Leiter des Europäischen Kompetenzzentrums für Eierstockkrebs (EKZE) der Klinik für Frauenheilkunde, Charité Campus Virchow-Klinikum, Berlin

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