Malika Reyad, Karlsruhe 
„Ich lebe nicht in zwei Welten – ich bin zwei Welten“
„…Die Offenheit und Toleranz meiner Eltern haben mich geprägt…“
„…Die Musik gab mir Raum für meine Gefühle und Sehnsüchte…“
„…Es gibt immer noch viele Vorurteile auf beiden Seiten...aber auch viel Anziehung…“
1. Frau Reyad, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?
Ich lebe schon über 30 Jahre in Deutschland. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Marokkaner und hier ist die kleine Geschichte, wie sich meine Eltern kennen gelernt haben:
Meinen marokkanischen Vater, Mohamed Reyad, lernte sie in einem Café in Lausanne kennen. Er studierte an der Universität Lausanne Mathematik und Volkswirtschaft. Meine Mutter arbeitete in einem Krankenhaus als Pflegerin. Ich ließ nicht lange auf mich warten und erblickte am 21.06.1963 das Lausanner Licht. Meine Schwester Fatima kam vier Jahre später, auch in Lausanne.
Als mein Vater mit dem Studium fertig war, arbeitete er ein Jahr bei einer Versicherung in Zürich. Dann zog die ganze Familie nach Marokko, Casablanca.
Meine Mutter hat dort eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin absolviert und auch gearbeitet. Mein Vater war erfolgreich und bald stellvertretender Direktor der Zürich Versicherung in Casablanca. Wir Kinder besuchten die Schule.
Vier Jahre, nachdem wir nach Marokko gezogen waren, wollten wir wieder einmal meine Großeltern in Deutschland besuchen. Aus verschiedenen Gründen entschieden wir, dass wir in Deutschland bleiben. Mein Vater blieb in Casablanca. Die Familie war getrennt: Eine schmerzhafte Erfahrung.
Frisch aus Marokko, fühlte ich mich in der Schule in Kortelshütte / Rotenberg (bei Hirschhorn am Neckar) ganz wohl: Meine Schwester Fatima und ich fielen auf und wurden bestaunt. Unsere ungewöhnlichen Namen, unsere krausen dunklen Locken und dass wir nicht getauft waren, waren Gründe genug. Meine Mutter ist katholisch und mein Vater Moslem und als ich meine Eltern mal fragte, warum wir Kinder keiner Religion angehörten, sagte mein Vater, dass diese Entscheidung von Herzen kommen sollte und dass sie uns Kindern die Freiheit lassen wollten, bewusst zu wählen.
Unser Deutsch verbesserte sich schnell, auch dank Lehrer Dann, der uns Nachhilfe gab. Oft sollte ich vor der Klasse lesen, um meine Aussprache zu schulen. Eines Tages wurde ich wieder aufgefordert zu lesen und stolperte über das Wort: Rollmops.
Ich hielt inne und fragte: „Herr Dann, was ist das: Rollmops?“ Gelächter, nicht abfällig, es war einfach amüsant für die anderen, dass ich dieses Wort nicht kannte. Herr Dann lachte auch, kramte in seiner Hosentasche nach Geld und winkte einen Schüler zu sich: „Kai, geh mal geschwind zum Konsum und kauf der Malika einen Rollmops!“ Als er dann ein Glas mit Rollmops vor mich stellte, sagte der Lehrer Dann: „probier mal“.
Vor den Augen der Klasse probierte ich meinen ersten Rollmops. Die Klasse lachte mit mir.
Was für ein Glück, so einen einfühlsamen Lehrer zu haben. Dadurch, dass wir in einem kleinen Ort mit wenigen Schülern waren, konnte er auf uns eingehen. Und er wollte es auch.
Die Offenheit und Toleranz meiner Eltern haben mich geprägt. Was die klassische Musik angeht, haben mich besonders zwei deutsche Familien geprägt.
Während der Schulzeit freundete ich mich mit Sabine Menges und Angelika Furtwängler in meiner Klasse an, die beide in sehr musikalischen Familien aufwuchsen. Besonders bei den Furtwänglers, diese Familie waren Nachkommen des berühmten Dirigenten, wurde dauernd musiziert. Die Eltern waren beide Pianisten, jedes Kind spielte ein Instrument und nahm an dem Wettbewerb „Jugend musiziert“ teil. Ich beneidete sie glühend. Ich stellte fest, dass ich Musikerin werden möchte. Die Musik gab mir Raum für meine Gefühle und Sehnsüchte.
In Deutschland habe ich mich immer sehr wohl gefühlt, manchmal merkte ich dass ich die Menschen mit meiner direkten Ansprache verunsicherte. Einmal sagte ein Mitschüler zu mir, dass ich dauernd lachen würde, ob ich denn immer gute Laune hätte? Ich antwortete, dass ich oft gute Laune hätte und er antwortete: „dann bist du ja ganz schön oberflächlich!“
An den Deutschen schätze ich Toleranz, Verständnis und Offenheit. Ein wenig stört mich, dass gerne gejammert wird und dass sich viele als Opfer fühlen, anstatt die Dinge in der Umgebung selbst in die Hand zu nehmen. In Karlsruher gibt es einen Spruch, den ich sehr lustig finde, der aber ernsthaft angewendet wird: „do ghört mol...“ (Übersetzung: Da gehört mal, also das sollte man was tun...). Ansonsten finde ich den Leistungsdruck übertrieben.
Auf jeden Fall würde ich gerne wieder in Deutschland aufwachsen. Als Musikerin kann ich hier arbeiten, klassische Musik hat hier Tradition. Die Menschen und das Land bedeuten mir auch sehr viel. Deutschland ist ein sehr tolerantes Land.
Ich habe Gesang und Oper an der Staatlichen Hochschule für Musik in Karlsruhe studiert. Schon bald wusste ich, dass ich Musik oder Bildende Kunst studieren wollte. Ich fühlte mich als Künstlerin.
Während der Schulzeit begann ich zu zeichnen, zu malen, zu üben und zu suchen. An die Ausbildung meiner Singstimme dachte ich nicht, weil ich die klassische Musik zwar liebte, Opernsängerinnen mir jedoch meistens nicht gefielen: schrill und künstlich empfand ich den Klang. Bis heute gefallen mir unauthentische Sänger nicht, auch wenn sie sehr beeindruckend singen können.
Als wir in der Schule, im Musikunterricht die Zauberflöte hörten, war ich begeistert und belustigte meine Klassenkameraden, indem ich in den Sportumkleidekabinen laut und ungehemmt die Arie der Königin der Nacht schmetterte. Sehr viel tiefer, denn ich habe eine Mezzosopranstimme, aber anscheinend doch einigermaßen gelungen, denn es kamen viele positive Kommentare. Plötzlich erinnerte ich mich, wie gerne ich als Kind Opern gesungen habe und beschloss Gesangsstunden zu nehmen. Meine erste Gesangslehrerin am Badischen Konservatorium, Frau Ilse Mengis, hielt mich für begabt und wollte mich gleich an einem Wettbewerb für Gesang anmelden. Ich war stolz, bekam aber zugleich Angst vor meiner eigenen Courage und wurde krank ... ein bisschen krank. Heute wäre es für mich kein Grund so eine Gelegenheit abzusagen, aber damals war ich sehr erleichtert.
Deutschland war also sehr hilfreich für meine Entwicklung, da ich sehr qualifizierten Unterricht bekommen konnte. Sogar kostenlos bei der Städtischen Schülerkapelle Karlsruhe, wo ich zunächst Querflöte lernte. Der Unterricht wurde von einem sehr engagierten und fähigen Studenten gegeben.
Es ist mein Traumberuf; dafür bin ich sehr dankbar.
Nach einem Jahr in Kortelshütte, zogen wir nach Rheinstetten bei Karlsruhe und besuchten die Schule dort. Ich war jetzt auf dem Gymnasium, das Walahfrid-Strabo-Gymnasium. Eine schöner Neubau ausgelegt mit goldgelben Teppich. Der Nachteil dieses Teppichs war, dass man sich dauernd elektrisch auflud und einen Schlag nach dem anderen bekam. Schon skurril, wenn man Türklinken und Fenstergriffe nur noch mit heruntergezogenem Ärmel anfasste. Auch die Lehrer trauten sich kaum den Griff der Tafel anzufassen. Ich besuchte die fünfte Klasse, natürlich fiel ich wieder sehr auf: „Malika? Das ist aber ein ungewöhnlicher Name, wo kommt er her? Marokko? Du kommst aus Marokko?“
Am Anfang des Schuljahres war das bei jedem Lehrer so, der sich der Klasse vorstellte. Als bei der Vorstellung der Schüler ich an die Reihe kam, gab es immer eine Menge Fragen zu beantworten. Es hatte auch sein Gutes, ich wurde aufmerksam behandelt, man wollte mir helfen und interessierte sich für meine Geschichte.
Mein Deutsch war inzwischen gut, aber manche Ausdrücke kannte ich noch nicht. Einmal bekamen wir Hausaufgaben auf, bei denen wir in einem Text die fett gedruckten Sätze bearbeiten sollten. Ich verstand das nicht und fragte einen Schüler: „Du sollst die fett gedruckten Sätze ’rausschreiben, und dann...“ Plötzlich überkam mich ein Anfall von Schüchternheit und ich traute mich nicht noch einmal zu fragen. Für meinen Mitschüler war das völlig selbstverständlich, er kam natürlich nicht auf die Idee, dass ich die Worte „fett gedruckt“ nicht verstehen konnte. Ich dachte, dass ich das Zuhause vielleicht verstehe, aber ich konnte die Hausaufgaben nicht machen, ich verstand das nicht. Natürlich hätte ich noch einmal fragen können, aber es wurde mir manchmal zu viel.
Ich habe meine Ziele nicht aus den Augen verloren und hatte das Glück viele Menschen zu treffen, die mich unterstützt haben. Ich hatte nie den Eindruck, dass Deutschland mir etwas verwehrt hat. Im Gegenteil.
Diese Frage kann ich nicht beantworten. In der Kunst ist es anders. Im Moment arbeite ich mit Kollegen aus u.a.: Deutschland, Japan, Spanien, Schweden, Brasilien, Russland und Marokko.
Natürlich gibt es immer Vieles, das sich ändern sollte und könnte. Das Steuersystem ist, meiner Meinung nach, ungerecht.
Die Schulbildung ist zu einseitig, das stört mich persönlich sehr. Ich habe vor einigen Jahren einen Schauspielworkshop in einer Hauptschule gegeben.
Das Thema war „Opfer und Täter - Gewaltprävention“. Es war fast nicht möglich, Schauspielübungen zu machen, weil die Jugendlichen den spielerischen Umgang mit Gefühlen nicht kannten. Aggression, Frust und Wut nahmen soviel Platz ein, dass fast kein Raum für andere Gefühle da war. Ich arbeitete mit der 7., 8. und 9. Klasse. Die sehr engagierten Lehrer waren anwesend, Gott sei Dank. Viele Tränen flossen, viele suchten das Gespräch, es war erschütternd und berührend schön zugleich. An den Schulen sollte es regelmäßig, am Besten einmal die Woche, Kurse geben, die sich mit Gefühlen beschäftigen: Musik, Rollenspiele, sich in jemanden hinein versetzen. Beides lehrt einen neuen Umgang mit seinen Emotionen, man stellt fest, dass man einen freien Willen hat. Schade finde ich, dass es im deutschen Schulsystem wenigen Möglichkeiten gibt, musische Fähigkeiten bei sich zu entdecken. Vielleicht ist das System zu sehr auf Leistung ausgelegt und dabei wird vergessen, dass der Umgang mit seinen Gefühlen Kommunikation ausmacht: Den anderen in sich erkennen lernen.
So gut ich kann, arbeite ich so mit den jungen Menschen, auch wenn ich Gesang unterrichte. Ich bin u.a. Stimmbildnerin des Landesjugendchores und des Jungen Kammerchores BW-Ost.
Meine Familie in Marokko und die Liebe zu dem Land und seinen Menschen.
Ich glaube, ein großes Entwicklungspotential. Marokko gedeiht. Immer, wenn ich dort bin, stelle ich mit Freuden fest, wie sich das Land entwickelt. Aus wirtschaftlicher Sicht kann ich das nicht beurteilen. Da haben wir andere Experten bei DMK.
Da mich vor allem die Kunst interessiert, kenne ich mich da auch besser aus. Es gibt sehr wenig Austausch zwischen marokkanischen und deutschen Künstlern, was natürlich auch an der Sprache liegt. Hier möchte ich gerne ansetzen und die Zusammenarbeit fördern. Es gibt immer noch viele Vorurteile auf beiden Seiten...aber auch viel Anziehung.
Sehr wichtig ist ein gut ausgebautes Netzwerk mit engagierten Menschen, die beide Kulturen kennen und verstehen.
Künstlerisch interessiert mich die Verbindung zu den Menschen. Was verbindet uns, was trennt uns? Fremd fühle ich mich, wenn ich mich nicht verbinden kann.
In vielen Liederabenden habe ich mich mit meiner Pianistin Heike Bleckmann mit diesem Thema beschäftigt.
In Deutschland:
So zum Beispiel bei den Karlsruher Schlosskonzerten, eine Musikreihe (Eintritt frei), die ich gegründet habe und leite. Wir veranstalten auch Konzerte zum Thema Orient – Okzident, wie zum Beispiel: „Ich lebe nicht in zwei Welten – ich bin zwei Welten“ Emigration und Leben in der Fremde mit dem syrischen Autor Suleman Taufiq, „Arabien, mein Heimatland“ - Der Orient im Spiegel romantischer Musik und Literatur und „Qantara - Die Begegnung von Orient und Okzident in der Architektur und Musik“.
Bei RAMESCH, ein Forum für Interkulturelle Begegnung in Saarbrücken, gaben wir das Konzert „Canto Gitano“ In der Fremde zu Hause – Zigeuner in Kunstlied und Oper.
In Marokko:
Ich lernte im Jahre 2004 in Marokko Frau Touria Serraj vom marokkanischen Rundfunk kennen, die ein Interview mit mir sendete. Darauf hin lud mich Herr Omar Salim im Sommer 2005 in seine Sendung „Arts et Lettres“ bei 2M (das zweite marokkanische Fernsehen) ein. Das war eine sehr interessante Talkshow mit marokkanischen Künstlern, die im Ausland leben und arbeiten.
Dank dem Einsatz von Dr. Hachim Haddouti (ein marokkanischer Ingenieur, der in München lebt und unermüdlich Projekte für Marokko startet, auch Mitglied im DMK) konnte ich 2007 mit meiner Operntruppe zwei Konzerte in Marokko geben, in der Universität Al Akhawayn und im Theater Meknès. Das war sehr spannend, weil meine Kollegen noch nie in Marokko gewesen waren und nicht wussten, was sie erwartet. Sie waren begeistert....
Im Herbst 2008 hatte mich die Deutsche Botschaft in Rabat für einen Liederabend mit der marokkanischen Pianistin Ghizlane Hamadi eingeladen. Das Konzert war gratis und gut besucht. Ich lernte einige Sänger des Chores: „La Chorale de Rabat“ kennen, die mit vielen fachlichen Fragen auf mich zukamen.
Ich stellte fest, dass es natürlich viele Menschen in Marokko gibt, die europäische klassische Musik kennen, aber auch viele, die keinen Zugang dazu haben. Als ich in Rabat in einem Taxi saß, kam ich mit dem Fahrer ins Gespräch, dem ich erzählte, dass ich hier ein Konzert habe. Er bat mich zu singen. Also sang ich ein spanisches Wiegenlied. Er war völlig verdutzt, schaute mich mit großen Augen an und versuchte mich nach zu machen und wir lachten...
2010 und 2011 plane ich ein Opern-Pasticcio, ein marokkanisch-deutsches Projekt.
„Pasticcio“ bedeutet wörtlich „Pastete“. Als Bezeichnung für ein Bühnenstück wurde der Begriff zuerst im Barock verwendet. Damals wurde es üblich, Stücke aus bereits bestehenden Opern zu einer neuen Handlung zusammenzufügen - wie bei einer Pastete, bei der aus mehreren Zutaten eine neue köstliche Speise entsteht.
Die Zutaten für diese Pastete sind die Legende „Isli und Tislit“, eine Romeo-und-Julia-Geschichte der Berber aus dem Hohen Atlas und bekannte Arien und Ensembles aus den Opern Mozarts und Musik der Berber. Die Musikstücke sind passend zur Handlung in das zum Teil zweisprachige Libretto eingewebt. Auf dieses spannende Projekt freue ich mich besonders.
In Marokko gibt es Chöre, aber kaum Stimmbildner und Chorleiter. Als ich 2008 in Marokko war, kontaktierte mich die Ministerin Armina Benkhadra, wegen eines marokkanischen Chores. Ich freue mich, wenn es uns gelingt, kostenlose Workshops für Sänger und Chorleiter in Marokko anzubieten...denn Kultur verbindet.
Ich bin verheiratet mit einem deutschen Mann und wir haben keine Kinder.
Ausstellungen, Theater und Musik. Ich arbeite sehr gerne mit Jugendlichen (Stimmbildung).Da mein Beruf auch mein Hobby ist und ich dadurch so vieles erlebe, habe ich fast keinen Platz mehr für Hobbys. Ich lese gerne, sehr gerne Krimis von Fred Vargas, schaue gerne fern, am Liebsten Filme, die im Barock spielen und liebe es mit meinem Mann Schlösser zu besichtigen und Kaffee zu trinken.
Da möchte ich gerne ein Gedicht von Paul Fleming 1609-1640 zitieren:
„An Sich
Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid
vergnüge dich an dir und achte es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück,
Ort und Zeit verschworen!
Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut
tu was getan muss sein und eh man dir’s gebeut!
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.
Was klagt, was lobt man doch?
Sein Unglück und sein Glücke ist ihm ein jeder selbst.
Schau alle Sachen an: dies alles ist in dir-
Lass deinen eitlen Wahn und eh du förder gehst,
so geh in dich zurücke!
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.“
Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Herr Mohammed Massad.
Malika Reyad:
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