1. Wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?
Ich lebe schon mein ganzes Leben in Deutschland. Mein Vater ist Mitte der 1960er Jahre nach Deutschland gekommen. Damals bestand eine große Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften und insbesondere die Söhne ärmerer Familien wurden nach Europa geschickt. Über diesen Weg kam mein Vater nach Deutschland. Es war weniger seine Wahl als die seines älteren Bruders, der ihn zum Arbeiten nach Deutschland schickte.
2. Im Laufe der Jahre haben Sie sicherlich Einiges erlebt. Können Sie uns 1-2 besondere Fälle erzählen, die Ihr Lebenslauf charakterisiert haben?
Ich habe während meines Studiums an einem Projekt zu Marokko gearbeitet und bin dafür (außerhalb der Urlaubssaison) nach Marokko gefahren. Aufgrund der Interviews und dem längeren Aufenthalt in Rabat und Casablanca habe ich Marokko von einer für mich persönlich widersprüchlichen Dimension kennengelernt.
Des Weiteren denke ich, dass mich meine Auslandsaufenthalte sehr geprägt haben. Sie trugen zur Horizonterweiterung bei und lassen mich Dinge, die ich als selbstverständlich angenommen habe mit anderen Augen betrachten.
3. Welche Vorbilder prägten Sie und woher kamen die Anregungen für ihre Entwicklung?
Starke Frauen, die ihren Weg gehen ohne sich dabei selbst zu verlieren. Während meiner universitären Ausbildung hat mich meine damalige Betreuerin und jetzige Doktormutter ziemlich geprägt. Sie hat mich bereits während des Studiums sehr unterstützt und war für mich teilweise wegweisend. Ich bewundere ihre Stärke, ihr Engagement und ihre Diplomatie im Umgang mit Menschen.
4. Was verbindet sie mit Deutschland, was ist schätzenswert und lebenswert, was müsste korrigiert werden?
Für mich ist Deutschland wie meine Heimat. Ich kenne Marokko und die marokkanischen Traditionen und Gebräuche von zuhause aus und aus den Urlauben, die wir jeden Sommer dort verbracht haben. Aber in Deutschland bin ich groß geworden. Hier bin ich zur Schule gegangen, hier habe ich studiert und meine Sozialisation ist „deutsch“ geprägt. Schätzenswert ist die gegebene Möglichkeit sich als Mensch zu verwirklichen. Aber dennoch kann man in Deutschland noch nicht von Chancengleichheit sprechen. Als Frau mit Migrationshintergrund ist man teilweise doppelt benachteiligt. Dies ist eine Einstellung, an der die deutsche Gesellschaft noch zu arbeiten hat, d.h. die vorurteilsfreie Anerkennung der Leistung von Deutschen mit Migrationshintergrund. Dies bedeutet aber keineswegs, dass wir nicht für unsere Ziele hart arbeiten müssen, sondern, dass uns dieselben Chancen von vornherein eingeräumt werden.
5. Wenn Sie heute den Wunsch frei hätten, würden Sie wieder nach Deutschland kommen? warum?
Da ich das Leben in Marokko nicht kenne, kann ich diese Frage leider nicht beantworten.
6. Was haben Sie studiert und warum?
Ich habe erst Arabistik und BWL studiert und im Anschluss meinen Master in European Culture an Economy gemacht. Ich interessiere mich für Politikwissenschaften als auch für wirtschaftliche Zusammenhänge. Und insbesondere mein Masterstudiengang bot mir die Möglichkeit mein beiden Interessen zu kombinieren.
7. Ist der Bereich, den sie studiert haben bzw. wo Sie jetzt arbeiten schon immer Ihr Traum gewesen oder welchen Beruf hätten Sie sonst gern geübt?
Mein Traum ist es im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, der politische Stiftungen oder der internationalen Kulturarbeit tätig zu werden. Aber erstmals muss ich meine Promotion beenden, die ich jetzt begonnen habe.
8. Was ist Ihnen in der Schule oder an der Hochschule am schwersten gefallen?
In der Schule hatte ich eigentlich keine Probleme. Als ich dann das universitäre Leben kennenlernte, hatte ich einige Schwierigkeiten erlebt, die ich mit zahlreichen jungen Studenten teilte und zwar die anfängliche Orientierungslosigkeit verbunden mit der Erwartung selbständiger Arbeit und Eigendisziplin.
9. Wie sind Sie zu dem geworden was sie heute sind und welche Rolle spielte dabei Deutschland, welche Chancen gab es oder verwehrte Ihnen Deutschland?
Ich denke primär ist es die Unterstützung meiner Familie, die mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Die anhaltende Motivation meiner Eltern und die moralische und finanzielle Unterstützung haben mir sehr geholfen. Deutschland spielt insofern eine Rolle, dass man den Zugang zum kostenlosen Bildungssystem hat, so dass auch Kinder von Arbeiterfamilien studieren können. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten das Studium zu finanzieren und außerdem wird ein deutscher Hochschulabschluss international immer noch mit qualitativer Ausbildung assoziiert.
10. Wie schätzen Sie die Chancengleichheit in Deutschland in Bezug auf Bildung, Ausbildung und Tätigkeitsfelder gegenwärtig ein und wie haben diese sich verändert?
Wenn man sich die ständigen (politischen) Bekundungen anhört, Kindern mit Migrationshintergrund unterstützen zu wollen, könnte man theoretisch annehmen, dass der Wille zur Chancengleichheit gegeben sei. Allerdings lehrt die Praxis uns anderes. Ich denke Deutschland hat noch einen langen Weg vor sich bis wir von Chancengleichheit sprechen können. Eine Veränderung ist meiner Meinung nach insofern zu sehen, dass man zumindest angefangen hat über die Ungleichheit zu sprechen. Noch vor ein paar Jahren war dies kein Thema auf der politischen Agenda. Deutschland hat endlich erkannt, dass es ein Einwanderungsland ist, was ein wesentlicher Fortschritt für die Auseinandersetzung mit der Thematik bedeutet.
11. Was sollte sich Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern?
Die bereits erwähnte vorurteilfreie Gleichstellung zwischen Deutschen und Deutschen mit Migrationshintergrund.
12. Was verbindet sie noch mit Ihrer Heimat?
Auch wenn ich mein gesamtes Leben in Deutschland verbracht habe, bleibt Marokko das Land meiner Vorfahren, das mich mit meinen Wurzeln verbindet. Außerdem verbinden mich die Sprache, die Kultur, die Traditionen und Gebräuche mit dem Land.
13. Welches Entwicklungspotenzial hat Marokko heute?
Ich denke, dass Marokko wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungspotentiale nachzuweisen hat. Aufgrund seiner geographischen Nähe zu Europa und seiner Ressourcenausstattung hat Marokko Möglichkeiten und Chance, die anderen Ländern verwehrt bleiben.
14. Wie schätzen sie die Deutsch-Marokkanische Zusammenarbeit ein, und wo sehen Sie noch Potenziale?
Eine Reihe von historischen Ereignissen verbinden Marokko und Deutschland. Auch wenn Deutschland kein klassisches „Unterstützerland“ ist wie Frankreich beispielsweise, bleibt die deutsch-marokkanische Zusammenarbeit traditionell, die seit Jahrzehnten besteht. Potentiale sehe ich insbesondere im Bereich der Erneuerbaren Energie. Deutschland ist in diesem Bereich international führend und Marokko kann die Infrastruktur (Sahara) bereitstellen. Ich denke insbesondere im Bereich der industriellen Entwicklung kann Marokko von Deutschland lernen. Die kulturelle Zusammenarbeit sollte verstärkt werden, um die kulturelle Vielfalt Marokkos (Berber, Araber usw.) in Deutschland sichtbarer zu machen. Marokko wird in Deutschland als ein Touristenland wahrgenommen, aber ich denke, dass Marokko mehr zu bieten hat.
15. Welcher Beitrag könnte die Diaspora bei dieser Zusammenarbeit leisten?
Ich denke, dass die Diaspora quasi als Mittler fungieren kann. Allerdings setzt dies voraus, dass die Diaspora selbst in der deutschen Gesellschaft integriert ist. In den von mir oben erwähnten Bereichen der technischen Zusammenarbeit können insbesondere die gut ausgebildeten Deutsch-Marokkaner einerseits ihr technisches Know-How und Wissen für die Entwicklung Marokkos einsetzen. Zum Anderen verfügen sie über die interkulturelle Sensibilität im Umgang mit der lokalen Bevölkerung, um Projekte zum Erfolg zu verhelfen.
16. Wie beschreiben Sie Ihr Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit in Ihrer Heimat? Nennen Sie ein paar Beispiele?
Ausbaufähig.
17. Sind Sie verheiratet und haben Sie Kinder?
Nein
18. Welche Hobbys und Interessen haben Sie?
Ich interessiere mich für fremde Kulturen.
19. Und zum Schluss: Haben Sie ein Lebensmotto?
Nein.
Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Mohammed Massad.
Malika Bouziane:
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