Dr. Khatima Bouras, Bochum 
1. Frau Dr. Bouras, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?
In der gymnasialen Oberstufe entwickelte sich meine Liebe zur deutschen Sprache und Kultur. Daher entschloß ich mich nach dem Abitur zum Studium der Germanistik. Aufgrund der guten Ergebnisse meiner Licenceprüfung wurde ich als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und des marokkanischen Ministeriums für Bildung ausgewählt und konnte so mein Studium ab 1993 in Deutschland fortsetzen.
Nach mehr als 16 Jahren in der Bundesrepublik ist Deutschland sicherlich ein Teil von mir geworden. Besonders vorbildlich sind hier die soziale Absicherung und die guten beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Bildung, Engagement und eigene Leistung werden gesellschaftlich honoriert.Das wichtigste Kapital eines rohstoffarmen Landes wie Deutschland ist das Wissen. Gerade die Universitäten sind ein entscheidender Baustein für die Ausbildung kompetenter, erfolgreicher und verantwortungsbewußter Nachwuchsgenerationen. In diesem Bereich habe ich die Ehre tätig zu sein. Hier möchte ich auch dazu beitragen, den Studierenden unsere reiche marokkanische arabische Kultur näherzubringen und so ein besseres Verständnis füreinander zu fördern. Im gegenseitigen Verständnis und Achtung voreinander liegt der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration.
Nach dem Erwerb der Licence in Germanistik 1992 an der Universität Mohammed V in Rabat habe ich 1998 an der Ruhr-Universität Bochum die Magisterprüfung in Germanistik abgelegt. Anschließend habe ich 2004 an der Ruhr-Universität Bochum im Bereich Sprachlehrforschung über die Interrelationen zwischen Mehrsprachigkeit und Schulerfolg promoviert. Derzeit arbeite ich an meiner Habilitation.
Bereits während meiner Studienzeit in Deutschland habe ich am renommierten Landesspracheninstitut Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Heute bin ich Dozentin und Forscherin am Institut für Germanistik und im Seminar für Orientalistik der Ruhr-Universität Bochum. Außerdem bin ich als Lehrbeauftragte im Bereich Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität Duisburg-Essen tätig.
Die Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Genauso wie ich unsere arabische und marokkanische Kultur liebe, interessiere ich mich sehr für fremde Kulturen. So erklärt sich meine Vorliebe für die deutsche Literatur, Kultur und Sprache. Viele der Herausforderungen der Migranten kenne ich auch aus eigener Erfahrung, weshalb berührt mich besonders dieses Thema.
Ich bin ein Teil Marokkos und trage es in mir. Dort habe ich eine wichtige und sehr schöne Zeit meines Lebens verbracht. In Marokko lebt meine Familie und insbesondere meine Großmutter, die alle Menschen, die für mich sehr viel bedeuten. Meine Verbindung besteht aber auch zu Marokko als meiner ersten Heimat.
Marokko ist ein sehr reiches Land. Reich an Kultur, Menschen, Natur und Bodenschätzen, um nur einige Aspekte zu nennen. Hier bestehen ungeheure Potentiale zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung für alle Gesellschaftsschichten. Genauso wie in Deutschland sind aber auch in Marokko Wissen und Bildung der entscheidende Schlüssel zum Erfolg. Nur mit einer wirtschaftlich, technologisch und kulturell gut ausgebildeten Bevölkerung wird sich Marokko im stärker werdenden internationalen Wettbewerb erfolgreich positionieren können. Hierbei werden die Entwicklung ländlicher Regionen und auch die in den letzten Jahren intensivierte Frauenförderung eine bedeutende Rolle spielen müssen.
Neben den klassischen umsetzungsorientierten Kooperationen im technologischen Bereich birgt insbesondere eine Intensivierung der strategischen Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung und Arbeitsförderung große Potentiale. In der Vergangenheit entsandte Marokko im wesentlichen Lehrer für den Muttersprachlichen Unterricht in die Bundesrepublik. Umgekehrt förderte Deutschland einzelne Bildungsprojekte, besonders in den ländlichen Regionen Marokkos. Auch im Hinblick auf die gegenwärtige weltweite Krise wären als Maßnahmen unter anderem wissenschaftliche Austauschprogramme, verstärkte universitäre Partnerschaften, bessere Betreuung marokkanischer Studenten in Deutschland, sowie eine kontinuierliche Beratung und Betreuung der marokkanischen Arbeitnehmer in der Ausbildung und Stellenwahl sinnvoll. Dies ist sicherlich nur eine kleine Auswahl möglicher vielversprechender Projekte.
Die im Ausland lebenden Marokkaner können ihr Heimatland in vielfältiger Weise unterstützen. Dies gilt speziell für den Wissenstransfer und die Beratung für beispielsweise geeignete Maßnahmen zur Förderung der Orientierung, Ausbildung und Arbeitssuche in der Diaspora. Denn insbesondere die Transferzahlungen an die Familien sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Marokko. Dabei können Vereinigungen wie das Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk unterstützen. Eine solide Basis auf staatlicher Seite für die enge Kooperation zwischen Marokko und Deutschland ist allerdings eine extrem wichtige Voraussetzung für die Effizienz aller Maßnahmen.
Zur Förderung des Erfahrungsaustauschs nehme ich im Namen meiner Universität oder des Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerks (DMK) mit Fachvorträgen an internationalen Konferenzen zur wissenschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Marokko teil.
In meinen Seminaren an der Universität unterrichte ich auch zahlreiche Studenten marokkanischer Herkunft. Diese sind meist besonders interessiert, sogar außerhalb des regulären Unterrichts mehr über die Heimat und Kultur ihrer Eltern zu erfahren. Ihnen dabei behilflich zu sein, ist mir ein großes Vergnügen. Um meinen Studenten und Kollegen Marokko mit seiner Kultur und seinen Menschen näherzubringen, organisiere ich in Kooperation mit der Studentenfachschaft eine Studienreise durch dieses schöne Land.
Als aktives Mitglied in der Deutsch-Marokkanischen Gesellschaft (DMG) begleite ich Jugendaustauschprogramme zwischen Deutschland und Marokko. Eltern und Jugendliche werden über die Austauschprogramme informiert und die Austauschschüler dann im Rahmen eines jeweils zweiwöchigen Austauschaufenthalts betreut. Als ehemalige Stipendiatin stehe ich dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) als Mentorin für ausländische Studenten zur Verfügung. Und als Vorstandsmitglied des Rotary Clubs Hattingen und zuständig für den internationalen Dienst fördere ich die Zusammenarbeit mit Marokko, unter anderem durch Studienreise.
In einer Welt zunehmender Globalisierung und im Wandel wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse ist es für Marokko und auch für die Bundesrepublik von außerordentlicher Bedeutung, strategische Partnerschaften zu pflegen und mit den internationalen Partnern zum gegenseitigen Vorteil immer intensiver zusammenzuarbeiten. Marokko und Deutschland können stark von dieser Kooperation profitieren und sich in vielen Bereichen ergänzen. Unverzichtbar ist hier das alte Prinzip des Primats der Bildung für aller Teile der Bevölkerung: „Erstrebt das Wissen von der Wiege bis zur Bahre“.
Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Herr Mohammed Massad.
Frau Dr. Khatima Bouras:
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