Fatima Meller, Düsseldorf 
1. Frau Meller, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?
1979 bin ich hierhergekommen - ich war 10 Jahre alt und wurde nicht gefragt, bin mit der Entscheidung meiner Eltern aber nicht unglücklich.
Der plötzliche Tod meines Vaters hat großen Einfluss auf mein Leben gehabt. Ich bin die älteste Tochter und habe noch 6 Geschwister. Für die musste ich plötzlich die Verantwortung mittragen. Es war eine große Belastung aber auch eine sehr wertvolle Erfahrung, die mich stark gemacht hat. Ein zweites Erlebnis war die Geburt meiner Tochter Hannah im Jahr 2002. Ihre Entwicklung wird wie selbstverständlich aus beiden Quellen gespeist, es ist beeindruckend wie sie mit der marokkanischen und deutschen Oma gleichzeitig umgehen kann und beiden gerecht wird.
Als ich meine Großmutter zuletzt in Marokko besuchte, war sie 102 Jahre alt. Sie hat mich spüren lassen, wie tief ich selbst noch mit meinem Heimatland und meiner Herkunft verwurzelt bin. Aber auch in Deutschland habe ich für mich sehr wichtige Menschen kennengelernt, die mir geholfen haben, meinen Blick für die Werte und das Leben hier zu öffnen und daraus Gewinn für mich zu ziehen und nach vorne zu sehen. Vieles verdanke ich einer engagierten Lehrerin in meiner Grundschule, die mich sehr gefördert hat. Ohne sie, glaube ich, wäre alles anders gekommen.
Deutschland ist ein offenes und freies Land aber mit sehr vielen feinen Facetten, guten und schlechten, die man einordnen muss. Es ist ein Land, in dem Menschen ihren eigenen Weg finden können. Aber es gibt auch Vorurteile, Spießigkeit und Rechthaberei. Eigentlich sind die Deutschen ganz sympathisch –ordentlich sind sie und genau, aber sie können auch ganz anders – gerade im Rheinland und um Köln herum wird jedem das Recht eingeräumt, ein Unikat zu sein. Feiern können die Deutschen auch ganz gut: In Köln dauert der Karneval vier bis fünf Monate und hier sagt man zu Recht: „ Jeder Jeck ist anders und darf das auch“.
Ja natürlich, mich zieht es aber auch noch woanders hin. Die Welt ist groß. In Deutschland gefällt mir besonders, dass überall für alles gesorgt ist: Die Infrastruktur ist hervorragend, in jeder Stadt, in jedem Dorf herrscht eine vergleichbare Lebensqualität. Die medizinische Versorgung ist sehr gut, die Bildungsangebote sind gut – wenn auch das elitäre dreigliedrige System nicht jeden hereinlässt, der es eigentlich aufgrund seiner Fähigkeiten verdient hätte.
Sozialpädagogik – vielleicht ist es das weibliche Helfersyndrom, das mich dazu bewegt hat. Ich bin in der kommunalen Jugend- und Familienhilfe tätig. Dort habe ich mit deutschen und auch mit Migrantenfamilien zu tun. Die Probleme armer Deutscher und armer Marokkaner in Deutschland sind verblüffend ähnlich. Mir kommt mein Migrationshintergrund vor allem bei der Arbeit mit Migrantenfamilien sehr zugute. So hat sich mein ehemaliger Nachteil in eine besondere Kompetenz verwandelt, die mir sehr hilft.
Siehe Nr. 6
Meine schulische Entwicklung ist eigentlich gut verlaufen. Ich fühlte mich anfangs schon sehr alleingelassen und fremd. Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Ich war die Älteste von sieben Kindern und die einzige funktionierende Verbindung meiner Familie zur deutschen Außenwelt. Das hat mich schon sehr belastet und teilweise überfordert – stellen Sie sich vor, ein zwölfjähriges Mädchen muss die Probleme einer ganzen großen Familie mit dem örtlichen Ausländeramt, dem Finanzamt, Nachbarn und Hausverwaltung regeln. Es war die am meisten prägende Erfahrung. Ich wurde in einen Ozean geworfen und musste schwimmen oder untergehen – ohne zu wissen, in welcher Richtung das rettende Land liegt. Es ist am Ende gut gegangen, sehr gut sogar.
Ich wüsste jetzt nichts, was man mir explizit aufgrund meiner Herkunft in Deutschland verwehrt hätte, was nicht genauso gut einer deutschen Familie hätte passieren können. Offene Diskriminierung aufgrund meiner Herkunft im Alltag habe ich hier eigentlich nie erlebt. Allerdings gibt es schon subtile Formen der Ausgrenzung. Meine Überzeugung ist: Man kann das überwinden – wenn beide Seiten guten Willens sind. Ich hatte aber auch Glück und habe den Zugang zu Bildungseinrichtungen gefunden. Das ist auch für Deutsche nicht in jedem Fall selbstverständlich. Auch deutschen Familien und Kindern kann es passieren, dass man ihnen große Hindernisse in den Weg stellt, wenn sie nicht der Norm entsprechen. Aber auch die deutsche Gesellschaft hat sich verändert, der Wind der Selbstbehauptung bläst jetzt allen härter ins Gesicht. Der Kampf um eine gute Ausgangsposition fürs Leben wird härter. Chancengleichheit fällt nicht vom Himmel, jeder muss dafür hart arbeiten. Aber dieser Weg ist nach wie vor offen.
Für marokkanische Jugendliche wird es aufgrund sozialer Nachteile immer schwerer, Zugang zu den exzellenten Einrichtungen des Bildungssystems zu erhalten. Viermal weniger marokkanische Kinder besuchen ein Gymnasium – nicht, weil sie dümmer sind, sondern weil sie in den ersten zehn Jahren schon so viel auf allen Ebenen eingebüßt haben, dass der Berg vor der höheren Bildung und Hochschule immer höher wird. Nur wenn man bereits früh sehr genau weiß, was man will, und den Kampf dafür aufnimmt, hat man eine Chance, dazuzugehören, wenn die Ausbildungsstellen vergeben werden, die Plätze im Gymnasium und in den Hochschulen.
Integration ist nach wie vor ein vorrangiges politisches Thema in Deutschland – solange ich zurückdenken kann. Die Deutschen diskutieren gerne und reden über Sachen. Sie neigen dazu, das Diskussionsergebnis für die Sache selbst zu halten. So ist das auch mit Herrn Sarrazin. Sein Buch ist kein Beitrag, die Gruppen zusammenzuführen. Es vertieft der ohnehin schon vorhandene Graben zwischen Migranten und Deutschen. Die Deutschen verlangen, dass wir uns erkennbar mehr Mühe geben und lernen, was in ihrer Gesellschaft und Kultur wichtig ist. Was ich mir von ihnen wünsche, ist, dass sie uns mit ihren Herzen aufnehmen und jedem von uns so entgegenkommen wie diese Grundschullehrerin, die mich ohne Wenn und Aber nach allen Kräften unterstützt hat.
Ich hätte damals allerdings noch mehr das Gefühl gebraucht, willkommen zu sein. Unsere Jugendlichen wissen nicht, wo sie anfangen sollen, um Anschluss zu bekommen und ihn zu behalten, ohne das Selbstwertgefühl zu verlieren. Sie brauchen Hilfe von beiden Seiten gleichzeitig.
Die Erinnerung an unser Haus in Marokko, meine alte Oma, meine erweiterte Familie und Verwandten und mein Vater, der mit mir in Deutschland gelebt hat, aber in Marokko begraben ist. Die besondere Landschaft, die Sprache meiner Kindheit – Berberisch, die Gewohnheiten dort, das Essen, das Meer, die Musik die Lebendigkeit der Märkte und Städte und unsere alte Kultur.
Marokko hat ein großes Potenzial, alles entwickelt sich derzeit rasant. Die mutige Entwicklungspolitik unserer Regierung hat in kurzer Zeit deutliche Effekte erzielt und ein neues Bild entstehen lassen – von einem alten Kulturraum, der aufwacht und mit Macht nach vorne drängt. Marokko hat inzwischen gerade den Europäern viel zu bieten. Das Land ist dabei, ein hochattraktives Tourismusziel zu werden. Uralte kulturelle Wurzeln verbinden sich mit einer modernen Infrastruktur. Ich freue mich über diese Entwicklung sehr und bin selbst stolz darauf. Das macht es mir leichter, meine Herkunft mit meiner Zukunft in Deutschland zu verbinden.
Für mich sind Deutschland und Marokko natürliche Partner. Nicht nur neue Touristen aus Deutschland kommen nach Marokko – es lassen sich mehr und mehr Menschen dort nieder und suchen ihr Glück. Auch deutsche Firmen erkennen die Standortvorteile im globalen Wettbewerb. An Desertec werden sich viele große deutsche Firmen beteiligen. Die Energie-Zusammenarbeit könnte ein ganz "großes Ding" zwischen den Ländern werden.
So wie ich als kleines Mädchen Brückenbauer für meine Familie war, sind die in Deutschland ausgebildeten Experten Bindeglieder über die Grenzen hinweg. Sie knüpfen Kontakte, öffnen Türen und verändern das Bild auf beiden Seiten der Grenze.
Ich wünsche mir, dass unsere Jugendlichen in Deutschland ihre Wurzeln spüren und den Kontakt zu ihrer Heimat halten und entwickeln. Sie sind die Basis für eine langfristige Zusammenarbeit. Wir müssen uns gemeinsam um diese Jugendlichen kümmern, persönlich und intensiv. Über diese Unterstützung müssen sie ihren Wert kennenlernen, der darin besteht, dass sie Fähigkeiten haben, die sie auch zu Brückenbauern werden lassen, Übersetzer und Vermittler – die Synapsen und Leiterbahnen der Vernetzung und des Austausches. Wir müssen alles tun, dass sie ihre Chancen auf Bildung selbst erkennen, einfordern und beim Schopf ergreifen.
Ich bin verheiratet und habe eine achtjährige Tochter.
Ich reise sehr gern – aber leider viel zu selten. Ich bin gut mit meinen Kollegen und Freunden „vernetzt“ und arbeite ehrenamtlich in verschiedenen Projekten.
Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.
Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Herr Mohammed Massad.
Frau Fatima Meller:
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